Analyse des makroökonomischen Modellierungsrahmenwerks der Schweizerischen Nationalbank
DSGE-Modell der offenen Volkswirtschaft und Instrumente der Politikanalyse
Analyse des makroökonomischen Modellierungsrahmenwerks der Schweizerischen Nationalbank
DSGE-Modell der offenen Volkswirtschaft und Instrumente der Politikanalyse
Diese Seite erläutert die volkswirtschaftlichen Modelle, die die Schweizerische Nationalbank zur Analyse der Wirtschaft und für geldpolitische Entscheidungen einsetzt. Wir behandeln, was diese Modelle leisten und warum sie für die einzigartige Wirtschaftslage der Schweiz wichtig sind.
Diese Seite analysiert das makroökonomische Modellierungsrahmenwerk der SNB mit Schwerpunkt auf dem kompakten DSGE-Modell der offenen Volkswirtschaft und dessen Rolle bei der Politikanalyse. Wir untersuchen die Modellspezifikationen, die Schätzmethodik und die Prognoseleistung im Kontext der Eigenschaften der Schweiz als kleine offene Volkswirtschaft.
Anders als die Federal Reserve oder die EZB stellt die Schweizerische Nationalbank nur begrenzte öffentliche Dokumentation über ihre volkswirtschaftlichen Modelle bereit. Die nachfolgende Analyse basiert auf verfügbaren akademischen Arbeiten, SNB-Arbeitspapieren und Rückschlüssen aus der Politikkommunikation. Vollständige technische Spezifikationen und aktuelle Modellversionen sind nicht öffentlich verfügbar.
Die Schweizerische Nationalbank verwendet ein kompaktes DSGE-Modell (Dynamic Stochastic General Equilibrium) als primäres Rahmenwerk für Politikanalyse und Prognosen. Anders als die Federal Reserve oder die Europäische Zentralbank, die umfangreiche Dokumentation über ihre Modellinfrastruktur veröffentlichen, stellt die SNB nur minimale öffentliche Details bereit — das meiste, was bekannt ist, stammt aus akademischen Arbeiten von SNB-Mitarbeitern und nicht aus offizieller technischer Dokumentation.
Diese Intransparenz erschwert definitive Aussagen über die Modellierungspraxis der SNB, aber die verfügbare Evidenz deutet darauf hin, dass sie ein DSGE-Rahmenwerk für kleine offene Volkswirtschaften einsetzt, das spezifisch für die besondere Wirtschaftsstruktur der Schweiz kalibriert ist. Drei Merkmale definieren die Schweizer Wirtschaftsdynamik und erfordern spezialisierte Modellierung:
Geringe Wirtschaftsgröße im Verhältnis zu den Handelspartnern: Das BIP der Schweiz entspricht etwa 2 % der Wirtschaft der Eurozone. Wenn die Europäische Zentralbank ihre Politik ändert, ergeben sich unmittelbare Übertragungseffekte auf die Schweiz über Handels- und Finanzkanäle. Schweizer Politikentscheidungen haben jedoch vernachlässigbare Auswirkungen auf die europäischen Bedingungen — die SNB kann nicht davon ausgehen, dass ihre Maßnahmen ausländische Variablen beeinflussen, was ein Rahmenwerk für „kleine offene Volkswirtschaften" erfordert, in dem die externen Bedingungen exogen sind.
Status als sichere Hafenwährung: Während Finanzkrisen oder geopolitischer Spannungen verlagern globale Investoren Mittel in Schweizer Franken, um Sicherheit zu suchen. Dieser Kapitalzufluss wertet die Währung dramatisch auf — der Franken stieg Anfang 2015 um 30 % gegenüber dem Euro, als die SNB ihren Mindestkurs aufgab. Solche nichtlinearen Dynamiken in Stressphasen stellen schwerwiegende Herausforderungen für Modelle dar, die auf Daten aus Normalzeiten geschätzt werden, und tragen wahrscheinlich zu den Prognoseschwierigkeiten der SNB während Krisenepisoden bei.
Exportorientierte Industriebasis: Die Schweizer Exporte entsprechen etwa 65 % des BIP und werden von Pharmazeutika, Präzisionsinstrumenten und Maschinenbau dominiert — Sektoren, in denen die Schweiz auf Qualität statt auf den Preis setzt. Dies erzeugt komplexe Wechselkurs-Durchleitungsdynamiken: Ein stärkerer Franken beeinträchtigt die Wettbewerbsfähigkeit weniger als bei Rohstoffexporteuren, hat aber dennoch erhebliche Auswirkungen auf die Gesamtnachfrage und die Beschäftigung.
Basierend auf der verfügbaren akademischen Literatur setzt die SNB ein „kompaktes DSGE-Modell der offenen Volkswirtschaft für die Schweiz" als eines ihrer primären Instrumente für Politikanalyse und Prognosen ein. Dieses Modell integriert zentrale Merkmale einer kleinen offenen Volkswirtschaft, die für das Verständnis der Schweizer Wirtschaftsdynamik wesentlich sind, darunter bedeutende Handelsverknüpfungen, Finanzintegration und Wechselkursübertragungsmechanismen.
DSGE steht für „Dynamic Stochastic General Equilibrium" — eine anspruchsvolle Bezeichnung dafür, dass das Modell Folgendes abzubilden versucht:
Das Modell der SNB umfasst verschiedene „Akteure":
Das kompakte DSGE-Modell der SNB folgt modernen neukeynesianischen Prinzipien, die an die Eigenschaften einer kleinen offenen Volkswirtschaft angepasst sind. Basierend auf der verfügbaren Dokumentation weist das Modell eine Zwei-Länder-Struktur auf, mit der Schweiz als kleiner Inlandswirtschaft und einer aggregierten Auslandswirtschaft, die die wichtigsten Handelspartner repräsentiert.
Das Optimierungsproblem des repräsentativen Haushalts umfasst Konsum-Freizeit-Abwägungen, Gewohnheitsbildung im Konsum und Portfoliowahl zwischen inländischen und ausländischen Vermögenswerten. Die Arbeitsentscheidungen beinhalten rigide Löhne mit Preissetzung vom Calvo-Typ.
Wobei $C_t$ den Konsum, $h$ den Gewohnheitsparameter, $L_t$ das Arbeitsangebot, $\sigma$ die Risikoaversion und $\nu$ die inverse Frisch-Elastizität bezeichnet
Das Modell unterscheidet zwischen:
Die wirtschaftliche Position der Schweiz erzeugt Modellierungsherausforderungen, die bei größeren, geschlosseneren Volkswirtschaften fehlen. Das Rahmenwerk der SNB für kleine offene Volkswirtschaften adressiert explizit die asymmetrische externe Abhängigkeit — ausländische Schocks dominieren den Schweizer Konjunkturzyklus, aber Schweizer Politikmaßnahmen erzeugen vernachlässigbare internationale Übertragungseffekte.
Handelsverknüpfungen und Wettbewerbsfähigkeit: Mit Exporten von über 65 % des BIP hängt das Schweizer Wachstum stark von der Auslandsnachfrage ab — insbesondere aus der Eurozone, die etwa 45 % der Schweizer Exporte aufnimmt. Wechselkursbewegungen schaffen komplexe Zielkonflikte: Wenn der Franken gegenüber dem Euro um 10 % aufwertet, stehen Schweizer Exporteure unter unmittelbarem Wettbewerbsdruck, aber die Importpreise sinken, was die Inflation reduziert und die reale Kaufkraft der Schweizer Haushalte stärkt. Das Modell muss diese gegenläufigen Effekte und ihre unterschiedlichen Zeitprofile erfassen.
Wechselkursdurchleitung auf die Inlandspreise: Eine 10-prozentige Frankenaufwertung reduziert die Schweizer Konsumentenpreise typischerweise um 1,5–2,5 % über vier Quartale durch günstigere Importe. Die Durchleitung variiert jedoch erheblich zwischen den Sektoren — Lebensmittel- und Energiepreise passen sich schnell an, während Dienstleistungen (dominiert von inländischen Arbeitskosten und Mieten) kaum reagieren. Diese Heterogenität ist für die Prognose der Inflationsdynamik nach Wechselkursschocks von Bedeutung.
Kapitalzuflüsse in den sicheren Hafen: In Phasen erhöhter Risiken — Finanzkrise 2008, Staatsschuldenkrise der Eurozone 2010–2012, COVID-19-Pandemie — strömen Investoren in Schweizer-Franken-Anlagen auf der Suche nach Sicherheit. Diese Kapitalzuflüsse werten die Währung rasch auf und erzeugen deflationäre Tendenzen genau dann, wenn die Weltwirtschaft schwächelt. Die Mindestkurspolitik der SNB von 2011–2015 versuchte, diesem Mechanismus entgegenzuwirken, aber die Aufgabe des Mindestkurses im Januar 2015 offenbarte die Grenzen solcher Interventionen. Die Modellierung dieser nichtlinearen Krisendynamiken bleibt herausfordernd — auf Normalzeiten geschätzte Parameter gelten möglicherweise nicht, wenn Risikoprämien sprunghaft ansteigen.
Das Rahmenwerk der SNB für offene Volkswirtschaften modelliert explizit den Status der Schweiz als kleine offene Volkswirtschaft mit bedeutenden Handels- und Finanzverknüpfungen. Zentrale Übertragungskanäle umfassen die Wechselkursdurchleitung, Terms-of-Trade-Effekte und internationale Übertragungseffekte über Handels- und Finanzmärkte.
Bestimmung des realen Wechselkurses durch:
Wobei $s_t$ den logarithmierten realen Wechselkurs, $i_t$ den Inlandszins, $i_t^*$ den Auslandszins und $\rho_t$ die Risikoprämie bezeichnet
Spezifikation der Exportnachfrage:
Wobei $X_t$ die Exporte, $P_t^X$ die Exportpreise, $P_t^*$ die Auslandspreise, $\eta$ die Preiselastizität und $Y_t^*$ die Auslandsnachfrage bezeichnet
Der Importanteil bei Konsum und Investitionen erzeugt komplexe Rückkopplungsschleifen zwischen Wechselkursen, Inlandspreisen und Wettbewerbsfähigkeit.
Die Erstellung eines Wirtschaftsmodells gleicht dem Lösen eines riesigen Puzzles:
Die Herausforderung für die Schweiz: Als kleine Volkswirtschaft stehen weniger Daten zur Verfügung als für die USA oder die Eurozone, was die Modelle weniger präzise macht.
Basierend auf der verfügbaren Literatur setzt die SNB bayesianische Schätzverfahren ein, ähnlich anderen modernen DSGE-Modellen von Zentralbanken. Die kompakte Natur des Modells spiegelt wahrscheinlich sowohl rechentechnische Beschränkungen als auch die begrenzte Zeitreihenlänge einer kleinen offenen Volkswirtschaft wider.
Die Schätzung folgt voraussichtlich standardmäßigen Metropolis-Hastings-MCMC-Verfahren mit:
Schweizspezifische ökonometrische Herausforderungen umfassen:
Ehrliche Antwort: Volkswirtschaftliche Modelle sind nicht besonders gut darin, die Zukunft vorherzusagen!
Sie eignen sich besser, um zu verstehen, warum Dinge geschehen, als wann sie geschehen werden. Man sollte sie eher als Instrumente zum Verständnis der Wirtschaft betrachten denn als Kristallkugeln.
Wozu die Modelle der SNB nützlich sind:
Warum sie nicht perfekt sind: Das reale Leben umfasst unerwartete Ereignisse (wie COVID-19), die Modelle nicht vorhersagen können.
Die verfügbare Evidenz deutet darauf hin, dass das DSGE-Modell der SNB vergleichbar mit anderen Modellen kleiner offener Volkswirtschaften abschneidet, mit besonderen Stärken bei der Erfassung der Wechselkurs-Inflations-Dynamik, aber Einschränkungen bei der Prognose von Wendepunkten und Krisenphasen.
Wobei $U < 1$ bedeutet, dass das Modell die naive Prognose (Random Walk) übertrifft
Die SNB verwendet Modelle wie einen Flugsimulator für Piloten:
Bevor reale Politikentscheidungen getroffen werden, werden diese im Modell getestet, um zu sehen, was passieren könnte.
Beispiele für die Modellnutzung der SNB:
Das DSGE-Modell der SNB dient als ein Beitrag zum Politikanalyseprozess und ergänzt andere Instrumente einschließlich VARs, sektoraler Modelle und urteilsbasierter Bewertungen. Das Modell ist besonders wertvoll für strukturelle Szenarioanalysen und das Verständnis von Übertragungsmechanismen.
Zentrale Anwendungen umfassen:
Das Modell integriert Deviseninterventionen voraussichtlich über:
Wobei die Interventionsintensität $\omega$ von der Abweichung des Wechselkurses vom impliziten Ziel abhängt
Allerdings erzeugt die diskrete und oft unregelmäßige Natur der SNB-Interventionen Herausforderungen für die DSGE-Modellierung, was voraussichtlich urteilsbasierte Anpassungen der Modellprognosen erfordert.
Volkswirtschaftliche Modelle sind nützlich, aber keine Wundermittel:
Was sie nicht vorhersagen können:
Warum die SNB auch andere Instrumente benötigt:
Wie alle DSGE-Modelle unterliegt das Rahmenwerk der SNB grundlegenden Einschränkungen, die aus der Linearisierung, den Annahmen rationaler Erwartungen und der Herausforderung der Modellierung der einzigartigen institutionellen Merkmale der Schweiz resultieren.
Für Einsteiger, die mehr erfahren möchten:
Kein öffentlicher Modellcode: Anders als beim FRB/US-Modell der Fed bietet die SNB keinen öffentlichen Zugang zu Modellcode, Datenvintagen oder Schätzroutinen. Eine unabhängige Replikation erfordert erhebliches Reverse Engineering aus veröffentlichten Arbeiten.
Alternative Ansätze: Forscher, die sich für die Modellierung der Schweizer Wirtschaft interessieren, können Open-Source-DSGE-Rahmenwerke (Dynare, RISE) in Betracht ziehen, die mit Schweizer Daten und institutionellen Merkmalen kalibriert werden.