Volkswirtschaftliche Modelle der SNB

Analyse des makroökonomischen Modellierungsrahmenwerks der Schweizerischen Nationalbank

DSGE-Modell der offenen Volkswirtschaft und Instrumente der Politikanalyse

Volkswirtschaftliche Modelle der SNB

Analyse des makroökonomischen Modellierungsrahmenwerks der Schweizerischen Nationalbank

DSGE-Modell der offenen Volkswirtschaft und Instrumente der Politikanalyse

Seitenübersicht

Diese Seite erläutert die volkswirtschaftlichen Modelle, die die Schweizerische Nationalbank zur Analyse der Wirtschaft und für geldpolitische Entscheidungen einsetzt. Wir behandeln, was diese Modelle leisten und warum sie für die einzigartige Wirtschaftslage der Schweiz wichtig sind.

Diese Seite analysiert das makroökonomische Modellierungsrahmenwerk der SNB mit Schwerpunkt auf dem kompakten DSGE-Modell der offenen Volkswirtschaft und dessen Rolle bei der Politikanalyse. Wir untersuchen die Modellspezifikationen, die Schätzmethodik und die Prognoseleistung im Kontext der Eigenschaften der Schweiz als kleine offene Volkswirtschaft.

Begrenzte öffentliche Informationen verfügbar

Anders als die Federal Reserve oder die EZB stellt die Schweizerische Nationalbank nur begrenzte öffentliche Dokumentation über ihre volkswirtschaftlichen Modelle bereit. Die nachfolgende Analyse basiert auf verfügbaren akademischen Arbeiten, SNB-Arbeitspapieren und Rückschlüssen aus der Politikkommunikation. Vollständige technische Spezifikationen und aktuelle Modellversionen sind nicht öffentlich verfügbar.

Inhaltsverzeichnis

Welche Modelle verwendet die SNB? Makroökonomisches Modellierungsrahmenwerk der SNB

Die Schweizerische Nationalbank verwendet ein kompaktes DSGE-Modell (Dynamic Stochastic General Equilibrium) als primäres Rahmenwerk für Politikanalyse und Prognosen. Anders als die Federal Reserve oder die Europäische Zentralbank, die umfangreiche Dokumentation über ihre Modellinfrastruktur veröffentlichen, stellt die SNB nur minimale öffentliche Details bereit — das meiste, was bekannt ist, stammt aus akademischen Arbeiten von SNB-Mitarbeitern und nicht aus offizieller technischer Dokumentation.

Diese Intransparenz erschwert definitive Aussagen über die Modellierungspraxis der SNB, aber die verfügbare Evidenz deutet darauf hin, dass sie ein DSGE-Rahmenwerk für kleine offene Volkswirtschaften einsetzt, das spezifisch für die besondere Wirtschaftsstruktur der Schweiz kalibriert ist. Drei Merkmale definieren die Schweizer Wirtschaftsdynamik und erfordern spezialisierte Modellierung:

Geringe Wirtschaftsgröße im Verhältnis zu den Handelspartnern: Das BIP der Schweiz entspricht etwa 2 % der Wirtschaft der Eurozone. Wenn die Europäische Zentralbank ihre Politik ändert, ergeben sich unmittelbare Übertragungseffekte auf die Schweiz über Handels- und Finanzkanäle. Schweizer Politikentscheidungen haben jedoch vernachlässigbare Auswirkungen auf die europäischen Bedingungen — die SNB kann nicht davon ausgehen, dass ihre Maßnahmen ausländische Variablen beeinflussen, was ein Rahmenwerk für „kleine offene Volkswirtschaften" erfordert, in dem die externen Bedingungen exogen sind.

Status als sichere Hafenwährung: Während Finanzkrisen oder geopolitischer Spannungen verlagern globale Investoren Mittel in Schweizer Franken, um Sicherheit zu suchen. Dieser Kapitalzufluss wertet die Währung dramatisch auf — der Franken stieg Anfang 2015 um 30 % gegenüber dem Euro, als die SNB ihren Mindestkurs aufgab. Solche nichtlinearen Dynamiken in Stressphasen stellen schwerwiegende Herausforderungen für Modelle dar, die auf Daten aus Normalzeiten geschätzt werden, und tragen wahrscheinlich zu den Prognoseschwierigkeiten der SNB während Krisenepisoden bei.

Exportorientierte Industriebasis: Die Schweizer Exporte entsprechen etwa 65 % des BIP und werden von Pharmazeutika, Präzisionsinstrumenten und Maschinenbau dominiert — Sektoren, in denen die Schweiz auf Qualität statt auf den Preis setzt. Dies erzeugt komplexe Wechselkurs-Durchleitungsdynamiken: Ein stärkerer Franken beeinträchtigt die Wettbewerbsfähigkeit weniger als bei Rohstoffexporteuren, hat aber dennoch erhebliche Auswirkungen auf die Gesamtnachfrage und die Beschäftigung.

Dokumentationseinschränkungen: Die SNB stellt im Vergleich zur umfangreichen FRB/US-Dokumentation der Fed oder der Modellpalette der EZB deutlich weniger öffentliche Informationen über ihr Modellierungsrahmenwerk bereit. Verfügbare Informationen stammen hauptsächlich aus akademischen Arbeiten von SNB-Mitarbeitern und kurzen Verweisen in den Quartalsberichten.

Basierend auf der verfügbaren akademischen Literatur setzt die SNB ein „kompaktes DSGE-Modell der offenen Volkswirtschaft für die Schweiz" als eines ihrer primären Instrumente für Politikanalyse und Prognosen ein. Dieses Modell integriert zentrale Merkmale einer kleinen offenen Volkswirtschaft, die für das Verständnis der Schweizer Wirtschaftsdynamik wesentlich sind, darunter bedeutende Handelsverknüpfungen, Finanzintegration und Wechselkursübertragungsmechanismen.

Bekannte Modellmerkmale:
Rahmenwerk: Dynamic Stochastic General Equilibrium (DSGE)
Wirtschaftsstruktur: Kleine Inlandswirtschaft, große Auslandswirtschaft
Agententypen: Haushalte, Produzenten handelbarer Güter, Produzenten nicht handelbarer Güter, Einzelhändler, Währungsbehörde
Schätzmethode: Bayesianische Verfahren
Primäre Anwendung: Politikanalyse, Prognosen, Szenarioanalyse
Aktualisierungshäufigkeit: Nicht öffentlich bekannt

Wie funktionieren diese Modelle? Spezifikationen des DSGE-Rahmenwerks

DSGE steht für „Dynamic Stochastic General Equilibrium" — eine anspruchsvolle Bezeichnung dafür, dass das Modell Folgendes abzubilden versucht:

  • Dynamisch: Zeigt, wie sich die Wirtschaft im Zeitablauf verändert
  • Stochastisch: Berücksichtigt zufällige Ereignisse (wie Ölpreisschocks oder globale Krisen)
  • Allgemeines Gleichgewicht: Betrachtet, wie alle Teile der Wirtschaft miteinander interagieren

Das Modell der SNB umfasst verschiedene „Akteure":

  • Haushalte: Menschen, die arbeiten, sparen und konsumieren
  • Unternehmen: Betriebe, die Produkte für die Schweiz herstellen und exportieren
  • Staat: Öffentliche Ausgaben und Regulierung
  • Ausländische Volkswirtschaften: Entwicklungen in Europa und weltweit
  • Die SNB selbst: Festlegung der Zinssätze und Intervention an den Devisenmärkten

Das kompakte DSGE-Modell der SNB folgt modernen neukeynesianischen Prinzipien, die an die Eigenschaften einer kleinen offenen Volkswirtschaft angepasst sind. Basierend auf der verfügbaren Dokumentation weist das Modell eine Zwei-Länder-Struktur auf, mit der Schweiz als kleiner Inlandswirtschaft und einer aggregierten Auslandswirtschaft, die die wichtigsten Handelspartner repräsentiert.

Haushaltssektor

Das Optimierungsproblem des repräsentativen Haushalts umfasst Konsum-Freizeit-Abwägungen, Gewohnheitsbildung im Konsum und Portfoliowahl zwischen inländischen und ausländischen Vermögenswerten. Die Arbeitsentscheidungen beinhalten rigide Löhne mit Preissetzung vom Calvo-Typ.

$\max E_t \sum_{s=0}^{\infty} \beta^s \left[ \frac{(C_{t+s} - hC_{t+s-1})^{1-\sigma}}{1-\sigma} - \frac{L_{t+s}^{1+\nu}}{1+\nu} \right]$

Wobei $C_t$ den Konsum, $h$ den Gewohnheitsparameter, $L_t$ das Arbeitsangebot, $\sigma$ die Risikoaversion und $\nu$ die inverse Frisch-Elastizität bezeichnet

Produktionssektoren

Das Modell unterscheidet zwischen:

  • Sektor handelbarer Güter: Exportorientierte Produktion mit Auslandsnachfrageelastizität
  • Sektor nicht handelbarer Güter: Inländische Dienstleistungen und Bauwirtschaft
  • Importsektor: Ausländische Güter mit Wechselkursdurchleitung
Die Produktionsfunktionen folgen voraussichtlich einer Cobb-Douglas-Spezifikation:
$Y_t^T = A_t^T (L_t^T)^{\alpha_T} (K_t^T)^{1-\alpha_T}$ (Handelbare Güter)
$Y_t^N = A_t^N (L_t^N)^{\alpha_N} (K_t^N)^{1-\alpha_N}$ (Nicht handelbare Güter)
Wobei $A_t$ Produktivitätsschocks, $L_t$ Arbeit und $K_t$ Kapital bezeichnet

Warum die Schweizer Wirtschaft besonders ist Merkmale des Modells der offenen Volkswirtschaft

Die wirtschaftliche Position der Schweiz erzeugt Modellierungsherausforderungen, die bei größeren, geschlosseneren Volkswirtschaften fehlen. Das Rahmenwerk der SNB für kleine offene Volkswirtschaften adressiert explizit die asymmetrische externe Abhängigkeit — ausländische Schocks dominieren den Schweizer Konjunkturzyklus, aber Schweizer Politikmaßnahmen erzeugen vernachlässigbare internationale Übertragungseffekte.

Handelsverknüpfungen und Wettbewerbsfähigkeit: Mit Exporten von über 65 % des BIP hängt das Schweizer Wachstum stark von der Auslandsnachfrage ab — insbesondere aus der Eurozone, die etwa 45 % der Schweizer Exporte aufnimmt. Wechselkursbewegungen schaffen komplexe Zielkonflikte: Wenn der Franken gegenüber dem Euro um 10 % aufwertet, stehen Schweizer Exporteure unter unmittelbarem Wettbewerbsdruck, aber die Importpreise sinken, was die Inflation reduziert und die reale Kaufkraft der Schweizer Haushalte stärkt. Das Modell muss diese gegenläufigen Effekte und ihre unterschiedlichen Zeitprofile erfassen.

Wechselkursdurchleitung auf die Inlandspreise: Eine 10-prozentige Frankenaufwertung reduziert die Schweizer Konsumentenpreise typischerweise um 1,5–2,5 % über vier Quartale durch günstigere Importe. Die Durchleitung variiert jedoch erheblich zwischen den Sektoren — Lebensmittel- und Energiepreise passen sich schnell an, während Dienstleistungen (dominiert von inländischen Arbeitskosten und Mieten) kaum reagieren. Diese Heterogenität ist für die Prognose der Inflationsdynamik nach Wechselkursschocks von Bedeutung.

Kapitalzuflüsse in den sicheren Hafen: In Phasen erhöhter Risiken — Finanzkrise 2008, Staatsschuldenkrise der Eurozone 2010–2012, COVID-19-Pandemie — strömen Investoren in Schweizer-Franken-Anlagen auf der Suche nach Sicherheit. Diese Kapitalzuflüsse werten die Währung rasch auf und erzeugen deflationäre Tendenzen genau dann, wenn die Weltwirtschaft schwächelt. Die Mindestkurspolitik der SNB von 2011–2015 versuchte, diesem Mechanismus entgegenzuwirken, aber die Aufgabe des Mindestkurses im Januar 2015 offenbarte die Grenzen solcher Interventionen. Die Modellierung dieser nichtlinearen Krisendynamiken bleibt herausfordernd — auf Normalzeiten geschätzte Parameter gelten möglicherweise nicht, wenn Risikoprämien sprunghaft ansteigen.

Das Rahmenwerk der SNB für offene Volkswirtschaften modelliert explizit den Status der Schweiz als kleine offene Volkswirtschaft mit bedeutenden Handels- und Finanzverknüpfungen. Zentrale Übertragungskanäle umfassen die Wechselkursdurchleitung, Terms-of-Trade-Effekte und internationale Übertragungseffekte über Handels- und Finanzmärkte.

Wechselkursdynamik

Bestimmung des realen Wechselkurses durch:

  • Ungedeckte Zinsparität (mit Risikoprämie)
  • Abweichungen von der Kaufkraftparität
  • Interventionseffekte der Zentralbank
$s_t = E_t s_{t+1} + (i_t^* - i_t) + \rho_t + \varepsilon_t^s$

Wobei $s_t$ den logarithmierten realen Wechselkurs, $i_t$ den Inlandszins, $i_t^*$ den Auslandszins und $\rho_t$ die Risikoprämie bezeichnet

Handelsverknüpfungen

Spezifikation der Exportnachfrage:

$X_t = \left(\frac{P_t^X}{P_t^*}\right)^{-\eta} Y_t^*$

Wobei $X_t$ die Exporte, $P_t^X$ die Exportpreise, $P_t^*$ die Auslandspreise, $\eta$ die Preiselastizität und $Y_t^*$ die Auslandsnachfrage bezeichnet

Der Importanteil bei Konsum und Investitionen erzeugt komplexe Rückkopplungsschleifen zwischen Wechselkursen, Inlandspreisen und Wettbewerbsfähigkeit.

Kalibrierte Parameter (geschätzte Bandbreiten):
• Handelselastizität (η): 0,8–1,2
• Wechselkursdurchleitung: 15–25 % auf den VPI
• Importanteil: ~30 % des Konsums, ~40 % der Investitionen
• Auslandsproduktionselastizität: 1,8–2,2 für Schweizer Exporte
• Persistenz der Risikoprämie: 0,7–0,9 (quartalsweiser AR-Koeffizient)

Wie erstellt die SNB diese Modelle? Schätzmethodik

Die Erstellung eines Wirtschaftsmodells gleicht dem Lösen eines riesigen Puzzles:

  • Historische Daten: Die SNB analysiert jahrzehntelange Wirtschaftsdaten (Inflation, Wachstum, Beschäftigung, Handel)
  • Statistische Verfahren: Sie nutzt fortgeschrittene mathematische Methoden, um Muster und Zusammenhänge zu identifizieren
  • Überprüfung: Sie kontrolliert, ob das Modell vergangene Ereignisse korrekt vorhergesagt hätte
  • Aktualisierung: Bei neuen Daten wird das Modell angepasst, um seine Genauigkeit zu erhalten

Die Herausforderung für die Schweiz: Als kleine Volkswirtschaft stehen weniger Daten zur Verfügung als für die USA oder die Eurozone, was die Modelle weniger präzise macht.

Eingeschränkte technische Dokumentation: Anders als bei der umfangreichen FRB/US-Dokumentation der Fed stellt die SNB nur minimale öffentliche Informationen über Schätzverfahren, Parameterwerte oder Modellvalidierungstechniken bereit. Die folgenden Angaben sind aus verfügbaren akademischen Arbeiten abgeleitet.

Basierend auf der verfügbaren Literatur setzt die SNB bayesianische Schätzverfahren ein, ähnlich anderen modernen DSGE-Modellen von Zentralbanken. Die kompakte Natur des Modells spiegelt wahrscheinlich sowohl rechentechnische Beschränkungen als auch die begrenzte Zeitreihenlänge einer kleinen offenen Volkswirtschaft wider.

Bayesianisches Schätzrahmenwerk

Die Schätzung folgt voraussichtlich standardmäßigen Metropolis-Hastings-MCMC-Verfahren mit:

  • A-priori-Verteilungen: Informiert durch internationale Literatur und schweizspezifische Studien
  • Beobachtbare Variablen: BIP-Wachstum, Inflation, kurzfristige Zinssätze, realer Wechselkurs, möglicherweise Handelsströme
  • Strukturelle Schocks: Produktivität, Geldpolitik, Auslandsnachfrage, Risikoprämie, möglicherweise fiskalische Schocks
Voraussichtlich beobachtbare Variablen (vierteljährlich, 1990–heute):
• Reales BIP-Wachstum (saisonbereinigt)
• VPI-Inflation (im Jahresvergleich)
• 3-Monats-LIBOR (historisch) / SARON (aktuell)
• Realer effektiver Wechselkurs (BIZ-Maß)
• Möglicherweise: Exportwachstum, Importpreise, Lohnwachstum
Identifikationsherausforderungen

Schweizspezifische ökonometrische Herausforderungen umfassen:

  • Strukturbrüche: Regimewechsel der SNB-Politik (Einführung des Inflationsziels, Phase des EUR/CHF-Mindestkurses)
  • Externe Dominanz: Begrenzte unabhängige Variation der Schweizer Variablen
  • Fluchtkapitaleffekte: Nichtlineare Wechselkursdynamik während Krisenphasen
  • Finanzplatzeffekte: Großer Finanzsektor, der in einem Standard-DSGE-Rahmenwerk schwer erfassbar ist

Wie gut sind diese Modelle bei Vorhersagen? Prognoseleistung & Modellvalidierung

Ehrliche Antwort: Volkswirtschaftliche Modelle sind nicht besonders gut darin, die Zukunft vorherzusagen!

Sie eignen sich besser, um zu verstehen, warum Dinge geschehen, als wann sie geschehen werden. Man sollte sie eher als Instrumente zum Verständnis der Wirtschaft betrachten denn als Kristallkugeln.

Wozu die Modelle der SNB nützlich sind:

  • „Was wäre wenn"-Szenarien: Was passiert, wenn der Euro um 10 % abwertet?
  • Politiktests: Sollten wir die Zinsen senken oder am Devisenmarkt intervenieren?
  • Zusammenhänge verstehen: Wie wirkt sich eine US-Rezession auf die Schweizer Beschäftigung aus?

Warum sie nicht perfekt sind: Das reale Leben umfasst unerwartete Ereignisse (wie COVID-19), die Modelle nicht vorhersagen können.

Keine öffentliche Prognoseevaluierung: Die SNB veröffentlicht keine systematischen Prognoseevaluierungsstudien oder Kennzahlen zur Echtzeit-Prognoseleistung. Die Bewertung basiert auf begrenzten akademischen Arbeiten und der allgemeinen DSGE-Literatur.

Die verfügbare Evidenz deutet darauf hin, dass das DSGE-Modell der SNB vergleichbar mit anderen Modellen kleiner offener Volkswirtschaften abschneidet, mit besonderen Stärken bei der Erfassung der Wechselkurs-Inflations-Dynamik, aber Einschränkungen bei der Prognose von Wendepunkten und Krisenphasen.

Berichtete Stärken
  • Wechselkurs-Durchleitungsdynamik
  • Mittelfristige Inflationsprognose (4–8 Quartale)
  • Identifikation struktureller Schocks
  • Politikszenarioanalyse
Geschätzte Prognoseleistung (akademische Literatur):
• Inflation (4 Quartale voraus): RMSE ~0,4–0,6 PP
• BIP-Wachstum (4 Quartale voraus): RMSE ~1,2–1,8 PP
• Vergleichbar mit VAR-Modellen bei ähnlichen Horizonten
Bekannte Einschränkungen
  • Leistung in Krisenphasen (2008, 2015, 2020)
  • Wechselwirkungen des Finanzsektors
  • Nichtlineare Wechselkurseffekte
  • Kurzfristige Prognosegenauigkeit
Wichtige Prognosefehler:
• Ausmaß der Finanzkrise 2008
• Auswirkungen der Aufgabe des EUR/CHF-Mindestkurses 2015
• Reaktion auf die COVID-19-Pandemie
• Zeitpunkt und Intensität von Fluchtkapitalströmen
Modellvalidierungskennzahlen (übliche DSGE-Standards)
$RMSE = \sqrt{\frac{1}{T}\sum_{t=1}^T (y_t - \hat{y}_t)^2}$ $U = \frac{RMSE_{model}}{RMSE_{naive}}$

Wobei $U < 1$ bedeutet, dass das Modell die naive Prognose (Random Walk) übertrifft

Wie verwendet die SNB diese Modelle? Anwendungen der Politikanalyse

Die SNB verwendet Modelle wie einen Flugsimulator für Piloten:

Bevor reale Politikentscheidungen getroffen werden, werden diese im Modell getestet, um zu sehen, was passieren könnte.

Beispiele für die Modellnutzung der SNB:

  • Zinsentscheidungen: „Wenn wir die Zinsen auf -0,5 % senken, wie wirkt sich das auf die Inflation und den Schweizer Franken aus?"
  • Devisenintervention: „Wenn wir 10 Milliarden Euro kaufen, wie stark schwächt das den Franken?"
  • Analyse globaler Schocks: „Wenn die USA in eine Rezession eintreten, wie wirkt sich das auf die Schweizer Exporte und Beschäftigung aus?"
  • Politikkoordination: „Sollten wir auf diesen Schock mit Zinssätzen oder Deviseninterventionen reagieren?"

Das DSGE-Modell der SNB dient als ein Beitrag zum Politikanalyseprozess und ergänzt andere Instrumente einschließlich VARs, sektoraler Modelle und urteilsbasierter Bewertungen. Das Modell ist besonders wertvoll für strukturelle Szenarioanalysen und das Verständnis von Übertragungsmechanismen.

Analyse der Politikübertragung

Zentrale Anwendungen umfassen:

  • Zinskanal: SARON → Hypothekarzinsen → Konsum/Investitionen
  • Wechselkurskanal: Leitzinsen → CHF → Importpreise → VPI
  • Erwartungskanal: Forward Guidance → langfristige Zinsen → Investitionen
  • Portfoliokanal: Negativzinsen → Bankenverhalten → Kreditangebot
Typische politische Simulationsübungen:
• Permanente Leitzinssenkung um 100 Basispunkte
• Temporäre Devisenintervention (10 Mrd. € Kauf)
• Auslandsnachfrageschock (-2 % BIP des Euroraums)
• Risikoprämienschock (+200 BP CHF-Prämie)
• Produktivitätsschock-Differenzial (+1 % gegenüber Handelspartnern)
Modellierung von Deviseninterventionen

Das Modell integriert Deviseninterventionen voraussichtlich über:

$\Delta FX_t = \omega \cdot (s_t^{target} - s_t) + \epsilon_t^{intervention}$

Wobei die Interventionsintensität $\omega$ von der Abweichung des Wechselkurses vom impliziten Ziel abhängt

Allerdings erzeugt die diskrete und oft unregelmäßige Natur der SNB-Interventionen Herausforderungen für die DSGE-Modellierung, was voraussichtlich urteilsbasierte Anpassungen der Modellprognosen erfordert.

Was können diese Modelle nicht leisten? Modelleinschränkungen & Kritik

Volkswirtschaftliche Modelle sind nützlich, aber keine Wundermittel:

Was sie nicht vorhersagen können:

  • Schwarze-Schwan-Ereignisse: Pandemien, Kriege, schwere Finanzkrisen
  • Zeitpunkt: Sie können erkennen, dass eine Rezession bevorsteht, aber nicht genau wann
  • Menschliche Psychologie: Wie Angst oder Optimismus das Marktverhalten beeinflusst
  • Politische Entscheidungen: Wahlen, Politikänderungen in anderen Ländern

Warum die SNB auch andere Instrumente benötigt:

  • Marktinformationen und Kommunikation mit Banken
  • Analyse der Finanzmarktbedingungen
  • Urteilsvermögen und Erfahrung der Entscheidungsträger
  • Internationale Koordination mit anderen Zentralbanken

Wie alle DSGE-Modelle unterliegt das Rahmenwerk der SNB grundlegenden Einschränkungen, die aus der Linearisierung, den Annahmen rationaler Erwartungen und der Herausforderung der Modellierung der einzigartigen institutionellen Merkmale der Schweiz resultieren.

Strukturelle Einschränkungen
  • Finanzsektor: Begrenzte Detailtiefe bei Bankwesen/Finanzmärkten
  • Heterogenität: Rahmenwerk des repräsentativen Agenten
  • Nichtlinearitäten: Linearisierung um den Gleichgewichtszustand
  • Erwartungsbildung: Annahme rationaler Erwartungen
  • Marktstruktur: Annahme vollständigen Wettbewerbs
Schweizspezifische Herausforderungen
  • Status als sicherer Hafen: Nichtlineare CHF-Aufwertungsdynamik
  • Finanzplatz: Vermögensverwaltung, Private-Banking-Effekte
  • Interventionsregime: Unregelmäßige, großvolumige Devisenoperationen
  • Größeneffekte: Begrenzte Freiheitsgrade für die Schätzung
  • Externe Abhängigkeit: Politische Übertragungseffekte dominieren die inländischen Faktoren
Modellunsicherheit: Die SNB weist voraussichtlich eine erhebliche Unsicherheit bezüglich Modellparametern und -struktur auf, insbesondere hinsichtlich der Wechselkursdynamik und der Interventionseffekte. Diese Unsicherheit erfordert robuste politische Ansätze und eine starke Nutzung alternativer Informationsquellen.
Bekannte Modellschwächen (DSGE-Literatur):
• Ausbreitungsmechanismen von Finanzkrisen
• Effekte der Zinsuntergrenze
• Übertragung unkonventioneller Geldpolitik
• Hochfrequente Marktdynamik
• Volatilität grenzüberschreitender Kapitalströme

Möchten Sie mehr erfahren? Verfügbare Ressourcen & Referenzen

Für Einsteiger, die mehr erfahren möchten:

  • SNB-Website: Offizielle Publikationen und Daten
  • Quartalsberichte: Allgemeinverständliche Erläuterungen des Denkens der SNB
  • Pressekonferenzen: Videoaufzeichnungen von SNB-Vertretern, die Entscheidungen erklären
  • KOF Konjunkturforschungsstelle: Unabhängige Schweizer Wirtschaftsforschung und Prognosen
Begrenzte akademische Literatur: Anders als bei den Modellen der Fed oder EZB gibt es nur wenige öffentlich verfügbare technische Arbeiten zu den Modellierungsansätzen der SNB. Die meisten Informationen stammen aus kurzen Methodenbeschreibungen und Rückschlüssen aus der Politikkommunikation.

Verfügbare akademische Arbeiten

  • Iseringhausen, M. und R. Sengupta (2014): „A compact open economy DSGE model for Switzerland" – SNB Economic Studies Nr. 8
  • SNB Working Papers Series: Gelegentliche technische Arbeiten mit begrenzten DSGE-Modellanwendungen
  • BIZ-Papiere: Vergleichende Studien zur Modellierung von Zentralbanken mit Schweizer Bezügen

Datenquellen

  • SNB-Datenportal: Echtzeitdaten zur Schweizer Wirtschaft und zu den Finanzmärkten
  • SECO: Staatssekretariat für Wirtschaft, BIP- und Beschäftigungsdaten
  • KOF ETH Zürich: Frühindikatoren und Prognosemodelle
  • BIZ: Internationale Bank- und Wechselkursstatistiken

Ressourcen zur Modellimplementierung

Kein öffentlicher Modellcode: Anders als beim FRB/US-Modell der Fed bietet die SNB keinen öffentlichen Zugang zu Modellcode, Datenvintagen oder Schätzroutinen. Eine unabhängige Replikation erfordert erhebliches Reverse Engineering aus veröffentlichten Arbeiten.

Alternative Ansätze: Forscher, die sich für die Modellierung der Schweizer Wirtschaft interessieren, können Open-Source-DSGE-Rahmenwerke (Dynare, RISE) in Betracht ziehen, die mit Schweizer Daten und institutionellen Merkmalen kalibriert werden.

Haftungsausschluss: Diese Dokumentation gibt die verfügbaren Informationen über die Modellierungsansätze der SNB mit Stand Juli 2025 wieder. Die SNB behält sich erheblichen Ermessensspielraum bezüglich der Modellspezifikationen und deren Verwendung vor. Für aktuelle Politikanalysen verweisen wir auf offizielle SNB-Kommunikation anstelle modellbasierter Vorhersagen.